"Atypischer Autismus" - Eine sinnvolle Bezeichnung?

Bei erster Betrachtung mutet die Kategorisierung von Autismus als „atypisch“ seltsam an. Schließlich definiert man ja alle Formen von Autismus mitunter über Verhaltensweisen, die gegenüber der neurotypen Bevölkerung normalerweise als atypisch angesehen werden. Man spricht nicht zu Unrecht bei Autismus von einem „Spektrum“. Woher kommt also die Sonderstellung?

Atypisch“ ist nicht der Mensch, sondern die Kategorisierung

Die Diagnose „atypischer Autismus“ ergibt sich nicht etwa über besondere Bedürfnisse der betroffenen Menschen, sondern wird lediglich über die Abgrenzung zu häufiger vorkommenden Autismus-Formen definiert. Diese sind im Wesentlichen frühkindlicher bzw. Kanner-Autismus und das Asperger-Syndrom.

Grundsätzlich weisen Menschen mit Autismus besondere Symptome in drei Kernbereichen auf: Ihrem sozialen, interaktiven Verhalten, ihrer Fähigkeit, Sprache, Körpersprache und Mimik zu verstehen und zu deuten und ihrem Verhalten was Interessen und Bewegungsabläufe betrifft. Das Besondere bei atypischem Autismus kann sein, dass statt dieser drei Faktoren lediglich zwei zutreffen. Beispielsweise kann das Lesen von Körpersprache schwerfallen und das soziale Verhalten auffällig sein, ohne, dass auffällige Interessen oder repetitive Verhaltensweisen zu erkennen sind. Im Grunde haben Menschen mit atypischem Autismus also keine eigenen, atypischen Verhaltensweisen, sondern weisen lediglich nicht all die auf, die bei einer Diagnose als typisch angesehen werden.

Eine eigene Entwicklung

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen am häufigsten eine Diagnose mit atypischem Autismus festgemacht wird, ist allerdings das Alter, ab dem die Symptome auftreten. Atypischer Autismus unterscheidet sich dadurch davon, dass sich merkliche Symptome erst später oder auch früher einstellen: So kann die sprachliche Entwicklung im Kleinkindalter quasi völlig normal ablaufen und auch Blickkontakt wird ganz normal aufgenommen, aber im Kindergartenalter zeigen sich plötzlich Auffälligkeiten. Sei es durch besondere Verhaltensweisen, kommunikative Probleme, oder andere Aspekte. Diese einzelnen Symptome sind dann wieder typisch für eine Autismus-Diagnose. Lediglich der Zeitpunkt ihres Auftretens macht den Fall also atypisch im Vergleich zum Kanner-Syndrom (in der Regel Diagnostik vor dem 3. Lebensjahr).

Fazit: Sinnvoll, aber problematisch

Wenn es auf rein medizinischer Ebene darum geht, gewisse Symptome zu kategorisieren, so hat die Bezeichnung „atypischer Autismus“ durchaus ihren Sinn. Man muss sich allerdings der Gefahr bewusst sein, dass derartige Begriffe nicht nur beschreibend, sondern mitunter auch wertend aufgefasst werden können. Viele Menschen assoziieren mit dem Begriff „atypisch“ sofort etwas Negatives. Eine Interpretation könnte sein, dass atypische Autisten selbst gegenüber anderen Autisten „komisch“ sind und daher nirgendwo wirklich hinzugehören. Diese Interpretation ist jedoch viel zu pessimistisch. Denn wie oben genannt ist es nicht der Mensch selbst, der atypisch ist, sondern lediglich seine Beschreibung im Vergleich zu anderen aus dem Autismus-Spektrum. Und das macht ihn einzigartig, aber gibt keinen Bewertungsmaßstab vor. Und das ist auch gut so: Denn wenn alle Menschen (egal ob aus dem Autismusspektrum oder nicht) sich in wenigen Kategorien zusammenfassen ließen, dann wäre die Welt ein sehr viel langweiligerer Ort.

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