Autismus als Begriff: So wird heute darüber gesprochen

Die Gesellschaft ist heute besser über das Thema Autismus aufgeklärt als je zuvor. Das bedeutet auch, das die Wortfamilie aktiveren Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gehalten hat – Allerdings ist das nicht in jedem Fall etwas Positives.

„Autist“ als Schimpfwort?

Gerade bei Jugendlichen wird „autistisch“ oder „Autist“ heute leider mehr denn je als Schimpfwort verwendet. Bevor man sich aber über diese Entwicklung empört, sollte man sich Gedanken machen, wie es überhaupt dazu gekommen sein kann. Denn gerade Kinder und Jugendliche verbinden Dinge, die sie nicht kennen oder die sie nicht verstehen, generell mit negativen Emotionen. Und ebendiese werden dann mit Beleidigungen in Verbindung gebracht. Vor allem aber dient ihnen als Beleidigung alles, was „anders“ ist. Denn in einem bestimmten Alter ist es für die meisten Jugendlichen enorm wichtig, irgendwie „dazu zu gehören“, also sich in Cliquen und anderen Gruppierungen einzufügen. Und das geht nun einmal am einfachsten durch Abgrenzung von anderen. Wenn also „Autist“ in der modernen Jugend als Beleidigung aufgefasst wird, dann richtet sich das nicht wirklich gegen Menschen mit Autismus, sondern ist lediglich Ausdruck von Unkenntnis und Unsicherheit der Jugendlichen selbst. Hier hilft nicht Empörung, sondern vor allem Aufklärung.

Auch in der Presse: Nicht alles perfekt

Auch, wer es generell gut meint, kann bei der Wortwahl beim Thema Autismus schonmal Fehler machen. Der Zeit-Artikel Schizophrenie, Depression, Autismus – alles das Gleiche? ist generell ordentlich recherchiert. Doch die Wortwahl setzt – ob absichtlich oder unabsichtlich – Autismus nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf Erfahrungsebene mit den im Titel genannten Konditionen gleich. Etwa wenn geredet wird von „Patienten, die an Autismus, Schizophrenie oder einer manisch-depressiven Störung litten“. Implizit wird im ganzen Text unhinterfragt unterstellt, dass Autist zu sein genau so viel Leid auslöst wie manische Depression oder Alkoholkrankheit. Dabei ist man einfach Autist, man „leidet nicht an Autismus“. Genauso wie man eben Mensch ist, statt an „Menschsein“ zu leiden.

Besonders in die Kritik geraten ist zudem der Verweis auf den Artikel, den die Zeit auf Facebook postete: Hier wurde schlichtweg von „Verrückten“ gesprochen. Der Facebook-Post ist mittlerweile nicht mehr zu finden. Solche Extreme sind zum Glück heute die die Ausnahme, denn die Aufklärung über Autismus in der Gesellschaft steigt.

Es wird besser

Über das Thema Autismus öffentlich zu sprechen ist wichtig – schließlich ist es auch ein öffentliches Thema. Aber es gibt die Redewendung „Der Ton macht die Musik“ – was ausdrücken soll, dass nicht nur der gesagte Inhalt, sondern eben auch die Form, in der dieser Inhalt vermittelt wird, relevant sind. Und hier kann trotz (oder vielleicht sogar wegen) mehr Aufklärung heutzutage noch einiges falsch laufen. Beispiel ist auch der Artikel oben: Hier wollte wahrscheinlich niemand Menschen mit Autismus beleidigen, aber die schlichte Wortwahl, die hier verwendet wurde, kann verletzen. Generell ist aber zum Glück zu sagen, dass die öffentliche Diskussion zum Thema Autismus eine Tendenz der Besserung aufweist. Unter anderem dadurch, dass immer mehr Literatur nicht nur über Autismus, sondern auch von Autisten erscheint. Beispiele sind „Autismus mal anders“ von Aleksander Knauerhase oder „Nicht normal, aber das richtig gut. Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS“ von Denise Linke. Lange Zeit beschränkte sich die Literatur auf eine Analyse von Autismus als typische Krankheit: Symptome wurden beschrieben und katalogisiert, der wirkliche Einblick in die Erfahrungswelt fehlte meist. Das ändert sich heute. Autismus ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr nur etwas, „das Menschen haben“, sondern Autisten sind immer mehr ein eigener Typ Mensch.

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