Autismus-Spektrum und was Persönlichkeit ausmacht

In unserem Blog widmen wir uns diesmal einer eher philosophischen Frage: Was bedeutet Individualität in Bezug auf Autismus?

Ein häufiges Missverständnis

Autismus ist ein Spektrum. Diese Aussage wird, weil sie so wichtig ist, aber auch so leicht zu vergessen, nicht nur in diesem Blog regelmäßig wiederholt. Aber auch unter Menschen, die sich dessen bewusst sind, gibt es eine häufige, aber problematische Interpretation des Begriffs „Spektrum“. Denn manche verstehen darunter einen Bereich, der sich zwischen einem Punkt A und einem Punkt B befindet, und dass alles dazwischen in das Spektrum fällt. Genau das ist aber gerade nicht das, was damit gemeint ist. Denn das würde implizieren, dass man die Punkte A und B fest definieren könnte, also sagen könnte „Hier fängt Autismus an und hier hört er auf“. Spätestens, wenn man sich dies bewusst macht, wird aber deutlich: Genau gegen diese Aussage richtet sich der Begriff „Autismus-Spektrum“. Nicht nur sind also die Übergänge innerhalb des Spektrums fließend, auch der Übergang von außerhalb des Spektrums in dieses Spektrum hinein ist nicht klar definierbar. 

Wo hört Individualität auf und fängt Diagnosekriterium an?

Menschen mit Autismus legen manchmal auf Aspekte wert, die andere nicht einmal wahrnehmen und nehmen dafür andere Dinge nicht wahr, auf die wiederum neurotypische Menschen wertlegen. Aber diese Dinge, die Autisten wahrnehmen und andere fast gar nicht bemerken, sind bei genauem Hinsehen objektiv wirklich da – Man kann die einzigartige Perspektive, die Menschen mit Autismus auf die Welt haben, also nicht einfach als „falsch“ deklarieren. Daher stellt sich also die oben genannte Frage: Wo hört Individualität auf und fängt Diagnosekriterium an? Was ist eine Persönlichkeitsstörung und was ist einfach Persönlichkeit?

Beispiel: Spezialinteressen

Menschen mit Autismus wird nachgesagt, dass sie sehr häufig spezielle Interessen haben, denen sie in einem besonderen Maße ihre volle Aufmerksamkeit widmen. Mit diesen Interessen können sie sich ausgiebig und lange beschäftigen, scheinbar ohne, dass sie jemals langweilig werden. Es kann so weit gehen, dass sie über bestimmte Aspekte der Themengebiete ihres Spezialinteresses einfach alles wissen möchten. Ein solcher Fokus gilt im Normalfall in unserer Gesellschaft sogar als lobenswert. Das Problem: Bei einem zu extremen Verfolgen bestimmter Interessen können Pflichten vergessen und soziale Kontakte vernachlässigt werden. (Fast) jeder Mensch hat spezielle Interessen. Der Unterschied hier wird meist über das Ausmaß definiert.

Eine Frage der Quantität

Das, was zu Spezialinteressen zu sagen ist, trifft auch auf verschiedene andere Dinge zu, bei deren Entdecken eine Autismus-Diagnose realistischer wird. Zu großer Lärm und zu grelles Licht sind für alle Menschen unangenehm. Allerdings ist die Toleranz dafür bei vielen Menschen mit Autismus in diesen Belangen deutlich geringer, weil ihre Wahrnehmung manche Sinneseindrücke schon als extrem auffasst, die neurotypische Menschen als harmlos empfinden. Generell sind also die Übergänge ins Autismus-Spektrum und darin nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ, aber immer individuell und von Fall zu Fall betrachten.

Die Frage, wo Individualität aufhört und Diagnosekriterium anfängt, lässt sich also aus dem gleichen Grund nicht sicher beantworten, aus dem sich auch bei manchen Menschen nicht sicher sagen lässt, ob sie nun schon als Teil des Autismus-Spektrums zu werten sind oder nicht. Denn die Diagnose „Autismus“ und Individualität schließen sich gegenseitig gar nicht aus: Menschen mit Autismus haben eben eine einzigartige Perspektive auf die Welt. Entwickelt also jemand eine Persönlichkeit, die sich in dieser Welt zurechtfindet, erübrigt sich die Frage, ob es sich um ein Diagnosekriterium für Autismus oder einen Ausdruck von Individualität handelt: Es ist schlichtweg beides.

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