Das Klischee des Autisten als "Savant" - Wo es herkommt und was dran ist

Viele Menschen mit Autismus wurden schon einmal irgendwann gefragt: „Und was ist deine Inselbegabung?“. Eine Frage, die falsche Erwartungen zeigt.

Eingeschränkte Sichtweise

Die Darstellung von Autisten in Medien und Öffentlichkeit beruht oft auf dem Herausstellen spezifischer Aspekte, wie ihrer veränderten Wahrnehmung der Umwelt oder ihren Schwierigkeiten mit dem sozialen Gefüge der und den sozialen Normen der Gesellschaft. Ein ebenfalls oft hervorgehobenes Detail sind Begabungen die Menschen mit Autismus, häufig nicht trotz dieser Eigenheiten haben, sondern unmittelbar wegen ihnen. Hier häufig verwendete Schlagworte: „Inselbegabung“ und „Savant“. Dabei trifft diese Beschreibung eigentlich nur auf einen sehr kleinen Bruchteil der Population mit Autismus zu. Woher kommt also dieses Klischee in den Medien, dass Menschen mit Autismus nahezu übermenschliche Talente haben?

Was ist „Inselbegabung“ überhaupt?

Bevor wir fragen, warum „Inselbegabung“ und „Autismus“ in der öffentlichen Meinung stark miteinander assoziiert werden, sollte beschrieben werden, worum es sich überhaupt genau handelt. Grundsätzlich sind die Begriffe „Inselbegabung“ und „Savant-Syndrom“ relativ frei austauschbar. Sie bezeichnen Menschen, die oft eine Form kognitiver Behinderung aufweisen, aber in kleinen Teilbereichen, die metaphorisch als „Inseln“ bezeichnet werden, zu vergleichsweise erstaunlichen Leistungen fähig sind.

Hier ist bereits ein häufiges Missverständnis zu finden: Viele Menschen glauben, dass man von Inselbegabung nur dann spricht, wenn ein Mensch auf einem Gebiet zu Dingen fähig ist, die weit über das normale menschliche Leistungsspektrum hinausgehen. Das stimmt aber nicht: Bereits, wenn ein Mensch, der in anderen Bereichen unterdurchschnittliche kognitive Leistungen erzielt, bei einem spezifischen Bereich den Durchschnitt erreicht, spricht man von einer Inselbegabung. Im allgemeinen Sprachgebrauch gemeint sind aber meist nur solche Inselbegabte, deren Leistungen erstaunliche Ausmaße annehmen. Von diesen sind weltweit nur ca. 100 Menschen bekannt – Was natürlich nicht bedeutet, dass die tatsächliche Zahl nicht durchaus höher liegen könnte.

Der Irrtum

Dass nach wie vor so viele Menschen Autismus und Inselbegabung fest miteinander assoziieren, zeugt also von einem tiefgreifenden Missverständnis. Mitschuld daran tragen wohl mitunter Filme wie „Rain Man“, die Autismus in der Öffentlich bekannter gemacht haben, diesen aber gleichzeitig mit Inselbegabung in Zusammenhang brachten, oder Dokumentationen und Berichte zum Thema, die oftmals ebenfalls den Zusammenhang von Autismus und Savant-Syndrom zu stark hervorhoben. Gerade dadurch, dass Autismus zu der Zeit, als er noch relativ unbekannt war, direkt mit Inselbegabung assoziiert wurde, konnte sich wohl das Klischee des inselbegabten Autisten in der allgemeinen Bevölkerung etablieren. Dem entgegenwirken kann nur gezielte Aufklärung.

Der Zusammenhang in Zahlen

Die Zahlen zeigen aber, dass das Klischee des Autismus als Savant nicht stimmen kann. Zum einen sind von den ca. 100 bekannten Inselbegabten weltweit nur 50% von Autismus betroffen. Das ist ein sehr hoher Anteil, wenn man davon ausgeht, dass ca. 1% aller Menschen auf dem Autismus-Spektrum liegt (Wobei auch dieser Wert höchstens ein Richtwert ist – Weiteres dazu in unserem Artikel „Wird Autismus wirklich immer häufiger?“).

Einen Zusammenhang von Autismus und Inselbegabung gibt es also, allerdings nur einseitig: Dass Menschen mit Inselbegabung häufig Autisten sind, heißt nämlich absolut nicht, dass Menschen mit Autismus automatisch auch eine Inselbegabung haben. Denn 50% von 100 Leuten sind 50 Menschen, die gleichzeitig inselbegabt und autistisch sind. Gemessen an schätzungsweise 75 Millionen Menschen mit Autismus weltweit ist das so gut wie nichts – gerade mal ein Anteil von 0.000067%.

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