Das spannende Verhältnis von Autisten und Musik

Musik ist etwas persönliches, Autismus auch. Kein Wunder also, dass das Verhältnis vieler Autisten zur Musik sehr unterschiedlich sein kann.

Zwischen Lärm und Stille

Klischee Nummer eins: Autisten mögen keine lauten Geräusche. Klischee Nummer zwei: Musik ist vor allem dann gut, wenn sie laut ist. Kombiniert man beides miteinander, könnte man meinen, dass Autisten generell vielleicht keine Musik mögen. Das ist aber ein voreiliger Schluss. In einigen Fällen mag das zwar durchaus der Tatsache nahekommen, dass das Verhältnis mit der Musik für sie ein schwieriges ist – insbesondere wenn die Musik laut ist und einem sehr schnellen Rhythmus folgt. Aber längst nicht alle Menschen mit Autismus sehen ihr Verhältnis zur Musik als schwierig an – Viele lediglich als besonders. Zum Beispiel dadurch, dass für sie, wo andere Geräusche am besten ganz leise wären, Musik gar nicht laut genug sein kann.

Musik sehen, Musik fühlen

Gerade bei Musik wird eines besonders deutlich, dass viele Autisten von vielen nicht-Autisten unterscheidet: Sie neigen vermehrt zu Synästhesie, also einer Verknüpfung verschiedener unterschiedlicher Sinneseindrücke untereinander. Das ermöglicht ihnen zum Beispiel, visuelle Eindrücke auditiv wahrzunehmen, also bei Seheindrücken auch ein Hörerlebnis zu haben. Wichtiger für unser Thema ist aber der umgekehrte Weg: Gehörtes kann für sie auch gesehene, gefühlte oder gerochene Eindrücke mit sich bringen. Was im Alltag oft zu Stress und Verwirrung führt, kann gerade bei Musik vielen Berichten von Autisten nach aber etwas geradezu Wunderbares sein. Denn schöne Klänge können für die Betroffenen oft auch gleichzeitig andere schöne Eindrücke mit sich bringen. Manchmal „Flow-Effekt“ genannt, können sie sich voll und ganz in die Musik vertiefen.

Therapie durch Klänge

Bei therapeutischen Maßnahmen vieler Kinder mit Autismus hat sich Musik bereits in vielen Fällen als probates Mittel erwiesen. Sie eignet sich besonders, wenn es darum geht, Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung auszugleichen, vor allem in Bezug auf die eigene Körperwahrnehmung. Diesen im Rhythmus der Musik zu bewegen, sei es von außen oder durch das eigene Körpergewicht, kann zum Beispiel helfen, den eigenen Körper und die Außenwelt direkter miteinander zu verknüpfen. Auch bei der Kontaktaufnahme mit anderen kann Musik helfen: Leicht und ohne Vorerfahrung spielbare Instrumente können eine Interaktions- und Ausdrucksmöglichkeit bieten, die nicht sprachlich, sondern emotional erfolgt und so bestehende Einschränkungen umgeht. Musik kann somit für Menschen mit Autismus, wie für andere auch, nicht nur einen angenehmen Zeitvertreib darstellen, sondern auch einen völlig eigenen Zugang zur Welt schaffen.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog