Digitalität als Wahrnehmungsfilter

Im Zeitalter der digitalen Kommunikation werden immer mehr Informationen elektronisch ausgetauscht – per Mail oder mit Messenger-Diensten wie WhatsApp, Facebook und Co. Oft heißt es, durch die Verbreitung dieser Kommunikationswege werde persönlicher Kontakt vernachlässigt. Für Menschen mit Autismus kann aber gerade das ein enormer Vorteil sein. Da sie oft nicht in Echtzeit stattfindet, kann digitale Kommunikation nämlich ganz von selbst Wahrnehmungsfilter ersetzen, die bei Autisten fehlen bzw. anders funktionieren.

Loslösung von der Einzelsituation

Gespräche, die direkt von Angesicht zu Angesicht geführt werden und als die Normalform des persönlichen Kontakts gelten, werden heute auch gern modern unter dem Begriff „Face-to-face-Kommunikation“ zusammengefasst. Sie alle haben gemein, dass neben dem Gesagten normalerweise auch nonverbal Informationen zwischen den Gesprächsteilnehmern ausgetauscht werden. Dass Menschen mit Autismus mit diesen Signalen oft Probleme haben, ist bekannt. Dazu kommen häufig zusätzlich noch ablenkende Umstände, die mit der jeweiligen Gesprächssituation einhergehen. Face-to-face-Kommunikation in der eigenen Wohnung ist beispielsweise etwas völlig anderes als Face-to-face-Kommunikation im belebten Café. Die Sinneseindrücke, die auf einen eindringen, können gerade Autisten mit ihrer anders gefilterten Wahrnehmung der Welt stark vom eigentlichen Gespräch ablenken.

Diese Eindrücke fallen bei elektronischer Kommunikation weg. Natürlich kann auch im belebten Café elektronisch Kommuniziert werden, aber die Art der Kommunikation an sich ist von der Einzelsituation losgelöst. Selbst wenn Aspekte von Face-to-Face und elektronischer Kommunikation ineinandergreifen, wie zum Beispiel bei Video-Gesprächen, hat man die Möglichkeit, sich beim Informationsaustausch störenden Eindrücken zu entziehen. Sitzt der Konferenz-Partner im belebten Café, so dröhnt zwar Lärm aus den Laptop-Lautsprechern; das ist aber deutlich weniger aufdringlich, als sich selbst im Café zu befinden.

Unpersönliche Kommunikation kann Dinge persönlicher machen

Zunächst mag diese Aussage wie ein kompletter Widerspruch in sich erscheinen. Aber gerade für Menschen mit Autismus kann digitale Kommunikation ein Gespräch persönlicher machen, selbst wenn der persönliche Kontakt fehlt. Neben den oben genannten Aspekten der Gesprächssituation bietet elektronische Kommunikation aber auch Vorteile, was die Form der Kommunikation selbst angeht.

Zum einen vollzieht sich die schriftliche Form der Kommunikation nicht so schnell wie eine gesprochene Unterhaltung. Das gibt Zeit, um sich mit dem Gesagten auseinanderzusetzen und es mit dem eventuell Gemeinten zu vergleichen. Wo Andeutungen und Redewendungen Menschen mit Autismus im Gesprächsfluss manchmal überfordern können, haben sie auf dem schriftlichen Weg die Möglichkeit, diese in aller Ruhe zu finden und zu entschlüsseln, bevor man sich eine Antwort überlegt.

Bei dieser Entschlüsselung kann auch ein entscheidender Faktor helfen, der im direkten Gespräch wegfällt: Emoticons. Dinge wie Ironie und Sarkasmus sind in Textform auch für neurotypische Menschen oft schwer zu vermitteln und zu entschlüsseln, was häufig zu Missverständnissen führen kann. Daher werden sie meistens durch Emoticons (Smileys) explizit markiert, was das Verstehen von Ironie gerade für Menschen mit Autismus enorm erleichtern kann. Gerade Emoticons, bei denen ein Auge zugekniffen ist, werden besonders häufig zur Markierung von Ironie benutzt. Angelehnt an Programmiersprachen wird derzeit vor allem im englischen Sprachraum Sarkasmus auch dadurch markiert, dass man „/s“ hinter einen nicht wörtlich gemeinten Bereich schreibt.

Das Ergebnis ist eine Form von Kommunikation, die in der Welt immer mehr an Wichtigkeit gewinnt und – quasi ganz nebenbei – die Welt für viele damit zugänglicher macht.

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