Gibt es „den“ Autismus überhaupt?

Immer wieder hört und liest man (auch hier), dass Menschen mit Autismus untereinander mitunter sehr unterschiedlich sind. Die Frage ist daher relevant, ob der Begriff in seiner heutigen Verwendung überhaupt einheitlich genug ist, um sinnvoll zu sein.

“If you’ve seen one kid with autism, you’ve seen one kid with autism”

Dieser Spruch ist ein häufiger Scherz unter Autismus-Kennern im englischen Sprachraum. Deutsche Übersetzung: „Wenn du ein Kind mit Autismus gesehen hast, dann hast du ein Kind mit Autismus gesehen“. Es ist eine Anspielung auf das Motto „Kennst du einen, kennst du alle“, das hier gerade nicht gilt. Denn von einem Kind mit Autismus auf ein anderes zu schließen, ist sehr häufig ein Fehler. Grundlegend gibt es feste Symptome, die mit Autismus assoziiert werden: Darunter Schwierigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, spezielle Interessen, auffällige Verhaltensweisen, Probleme darin, Anspielungen, Ironie und Sarkasmus zu erkennen. Aber Symptome, die sich in Verhaltensweisen manifestieren, können komplett unterschiedliche Ursachen haben.

Andere Ausprägungen, andere Eigenschaften

Die oben genannten Auffälligkeiten sind nur ein Teil der Aspekte, die mit einer Autismus-Diagnose assoziiert werden. Denn die Liste dieser Aspekte ist lang und vielfältig. Bereits Oberbegriffe für Typen von Autismus (z.B. frühkindlich, atypisch, High und Low Functioning, Asperger) gibt es viele. Es gibt also mehrere Kategorien von Autismus, die eine Vielzahl von verschiedenen Symptomen auf verschiedene Weise kombinieren, und noch mehr Menschen, die von diesen Symptomen betroffen sind. Die Aussage „Maria ist autistisch“ enthält daher auch relativ wenig Information über Maria. Lediglich, dass Maria Auffälligkeiten aufweist, die sie dem Autismus-Spektrum zuordnen lassen. Welche Auswirkungen das jedoch in der Praxis auf Marias Leben hat, bleibt weitgehend unklar.

Schwierigkeiten im Umgang

Beispiel: Ein Asperger-Autist ist mitunter in seinem Alltag mit anderen Herausforderungen konfrontiert als ein frühkindlicher Autist mit einer kognitiven Einschränkung. Aber selbst diese Unterschiede müssen von Einzelfall zu Einzelfall verglichen werden, auch wenn die grundlegende Diagnose in beiden Fällen „Autismus“ lautet. Von einem Spektrum zu sprechen ist also in jedem Fall ein sinnvoller Ansatz. Mit dieser Diversität umzugehen ist das vielleicht größte Problem, das Forschung und Behandlung haben. Nicht nur, weil die Symptome unterschiedlich sind. Sondern auch, weil diese Symptome grundlegend unterschiedliche Ursachen haben können. Denn nur weil zwei Verhaltensweisen ähnlich sind, bedeutet dies nicht, dass sie dieselbe Ursache haben. Genauso wie Menschen gleichermaßen vor Trauer und Freude weinen können, genauso kann vermiedener Blickkontakt von Menschen mit Autismus durch grundsätzlich unterschiedliche Gemütszustände erklärt werden. 

Wissenschaftliche Perspektive

Die Heterogenität von Autismus bereitet auch der Wissenschaft Schwierigkeiten. Die Frage lautet stets: Wie soll etwas erforscht werden, das in seiner Definition eine so unterschiedliche Menge von Einzelfällen abdeckt? Verschiedene Studien versuchen verschiedene Lösungswege. Einige beschränken sich auf speziellere Definitionen und einzelne Aspekte, während wieder andere versuchen, die symptomatische Ebene grundlegend zu verlassen, beispielsweise indem sie nach genetischen Faktoren gruppieren statt nach den Verhaltensweisen der Menschen, die sie aufweisen.

Ist der Begriff also sinnvoll?

Wenn er in so vielen verschiedenen Belangen mit Ungewissheiten verbunden ist, kann man sich die Frage stellen, ob es nicht sinnvoll sein könnte, den Begriff „Autismus“ und seine Bedeutung generell zu überdenken. Wer aber nur auf eine klare Kategorisierung wert legt, vergisst einen wichtigen Faktor: Autist zu sein ist mehr als eine fest definierte Menge von Symptomen. Autisten sind eine eigene Gruppe Menschen, die unabhängig von der individuellen Ausprägung ihres Andersseins mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden, ähnliche Wahrnehmungen haben und ähnliche Hilfe benötigen.

Denn wenngleich eine Unterscheidung zum Beispiel nach genetischen Faktoren auf wissenschaftlicher Ebene Fortschritte bringen könnte: Im alltäglichen Sprachgebrauch wird nicht ohne Grund von einem Autismus-Spektrum gesprochen.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog