Umgangsformen: Wenn Freundlichkeit beleidigt

Familien mit Mitgliedern im Autismus-Spektrum haben es sicher schon erlebt: Die verschiedenen Reaktionen, wenn Bekannte oder beispielsweise Nachbarn von den Besonderheiten im Familienleben erfahren. Oft sind mangelndes Wissen oder auch Missverständnisse dafür verantwortlich, dass diese Reaktionen schonmal unfreundlich oder sogar beleidigend ausfallen – auch wenn sie meist gar nicht so gemeint sind.

Von Mitleid bis Schuldzuweisung

Die Spanne der Reaktionen ist dabei groß. Der eine reagiert mitleidig und bedauert die Familie um ihr „schweres Los“. Der nächste nimmt die Diagnose nicht ernst und tut sie als Phase ab. Und wieder jemand anders gibt ungebetene Ratschläge und Tipps, die selten wirklich helfen. Die meisten Menschen meinen das, was sie dann sagen gar nicht böse, aber in der Wortwahl können diese Reaktionen trotzdem schonmal sehr verletzend sein und dazu führen, dass man sich als Familie sogar vor dem Moment fürchtet, in dem das Thema (wieder) angesprochen wird.

Kaum jemand möchte Mitleid für sein Anderssein, oder das Anderssein seines Kindes. Denn das wirkt herabsetzend, weil es im Endeffekt aussagt „Du bist bemitleidenswert“. Das andere Extrem, also das Beschwichtigen und das „Kleinreden“ oder sogar Leugnen von Autismus ist aber genauso schwierig. Weil es die Herausforderungen, die man als Familie zu bewältigen hat, nicht ernst nimmt und im schlimmsten Fall sogar als „selbstverschuldet“ deklariert.

Gut gemeint, aber schlecht informiert

Der größte Grund für diese vermeintlich unfreundlichen Kommentare ist schlicht mangelndes Wissen. Wer sich nie mit dem Thema „Autismus“ beschäftigt hat, weiß meist nicht, was Autismus eigentlich ist, bzw. dass es gar nicht „den Autismus“ gibt. Geschweige denn, welche Formen, wie sie sich äußern können und was das für das jeweilige Familienleben bedeutet. Die meisten Menschen haben nur bruchstückhaftes Wissen zu dem Thema. Das kann man ihnen im Grunde nicht vorwerfen, aber die Problematik ist, dass sich die meisten aus den Bruchstücken trotzdem eine Meinung bilden. Und an dieser, oft auch aus Unsicherheit heraus, erstmal festhalten.

Auch Mitleidsbekundungen entstehen oft aus Unsicherheit und einem Gefühl der Hilfslosigkeit. Wer Mitleid hat, ist selbst überfordert mit der Situation und weiß dem nichts entgegenzusetzen. Und vermittelt diese Hilfslosigkeit durch sein Mitleid auch seinem Gegenüber.

Welche Reaktion wünschenswert wäre

Im Grunde: Keine voreilige Meinung oder vermeintliches Wissen kundtun, sondern echtes Interesse zeigen, ggf. Wissenslücken zugeben und (respektvoll) fragen. Was das im Familienleben bedeutet, ob man selbst bestimmte Dinge beachten kann, oder was die Familie sich im Kontakt wünscht. Damit ist gemeint, dass es nicht darum geht, sein gesamtes Familienleben offenzulegen, sondern die möglichen Besonderheiten zu erklären, die beim Kontakt mit dem Bekannten entstehen können. Ein Nachbar kann beispielsweise fragen, ob man ihm das Verhalten des Kindes erklären kann, damit er beim nächsten Treffen im Hausflur entsprechend reagieren kann.

Voraussetzung für solch ein produktives Gespräch ist natürlich eine grundsätzliche Offenheit zum Thema – auf beiden Seiten. Wie wir vor kurzem in dem Artikel „Muss ich mich als Autist outen?“ ausführlich beschrieben haben, sind in der Kommunikation vor allem Ehrlichkeit und Respekt vonnöten. Ist beides gegeben, bleiben Mitleidsbekundungen, voreilige Ratschläge und Schuldzuweisungen quasi „von allein“ aus – und die Voraussetzungen für ein konstruktives Gespräch sind geschaffen.

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