Was ist "Stimming"?

Vor- und Zurückwippen, spielen mit den Fingern oder wiederholtes Sprechen von Wörtern und Sätzen: Viele Menschen mit Autismus neigen zu Verhaltensweisen, die in der Öffentlichkeit auffallen. Wie kommt es dazu und haben sie eine Funktion?

„Ticks“ hat (fast) jeder

Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, von denen fast jeder Mensch zumindest eine regelmäßig ausführt, ohne dass diese einem offensichtlichen Zweck dienen oder sogar ohne, dass der Mensch es überhaupt bemerkt. Dazu gehören Dinge wie Kauen an den Fingernägeln (ob aus Stress oder Langeweile) Wippen mit den Beinen bei längerem Sitzen oder herumspielen mit längeren Haaren oder dem eigenen Bart. Diese Verhaltensweisen sind gesellschaftlich nicht hoch angesehen, aber fallen auch nicht wirklich negativ auf – Zum einen, weil fast jeder ab und zu zu ihnen neigt und zum anderen, weil sie im Regelfall kontrollierbar sind und die meisten sie nur dann ausführen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

„Stimming“ ist anders

Menschen mit Autismus haben meist ebenfalls solche Verhaltensweisen, aber mit zwei wichtigen Unterschieden: Bei ihnen kommt es weitaus häufiger vor, dass „Ticks“ zum einen stärker ausfallen (zum Beispiel Wippen sie nicht nur mit dem rechten Bein, sondern mit dem ganzen Körper vor und zurück) und zum anderen schwerer zu kontrollieren sind. Hier liegt der Unterschied zwischen den gewöhnlichen „Ticks“ von neurotypischen Menschen und „Stimming“, von dem man im Regelfall fast nur bei Menschen mit Autismus spricht. Der Begriff ist abgeleitet aus dem Englischen „Self-stimulating behavior“, was soviel bedeutet wie „selbst stimulierendes Verhalten“. Ebenfalls aus dem englischen Sprachraum nennt man eine solche einzelne Verhaltensweise einen „Stim“.

Anderssein fällt auf

Die Besonderheit von Stimming gegenüber zum Beispiel gemäßigtem Nägelkauen ist weniger das Verhalten selbst, sondern vor allem die Wirkung, die es auf andere hat. Es gilt vor allem darum, was als gesellschaftlich akzeptabel anerkannt wird und was nicht. Während also Nägelkauen deutlich weniger hygienisch ist, als ständiges Vor- und Zurückwippen während des Sitzens, führt trotzdem meist nur zweiteres zu negativer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Es gibt zwei wichtige Gründe, warum vor allem Menschen mit Autismus zu Stimming neigen: Zum einen fällt ihnen das Kontrollieren dieser Verhaltensweisen oft schwerer. Zum anderen bemerken sie seltener die Zeichen, dass ihr Verhalten negative Reaktionen bei den in ihrer Umgebung Menschen auslöst.

Wo neurotypische Menschen also häufig derartiges Verhalten bei sich schnell an den bösen Blicken ihrer Mitmenschen erkennen und beschämt aufhören, fallen viele Menschen mit Autismus weiter auf.

Stimming ist nichts Schlechtes

Stims sind oft auffällige Verhaltensweisen, ganz zufällig geschehen sie aber nicht. Sie sind selbst-stimulierendes Verhalten und können in Momenten der Überforderung für mentale Struktur und Ruhe sorgen. Selbststimulation kann helfen von den oft überfordernden Reizen durch die Außenwelt abzulenken, sodass Stimming selbst eine wichtige Schutzfunktion einnehmen kann. Die selbst verursachten Sinnesreize sind berechenbar und vorhersehbar und schaffen so eine klare Struktur.

Generell ist also nicht anzuraten, solche Verhaltensweisen beispielsweise durch Therapie zu beenden, selbst wenn dies möglich wäre, was es selten ist. Kinder mit Autismus für Stims zu bestrafen kann diesen sogar sehr schaden. Nur dann, wenn Stimming-Verhaltensweisen direkt gefährlich sind (zum Beispiel durch Gewalt gegen sich selbst) sollten Maßnahmen ergriffen werden.

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