Was Freundschaften ausmacht und wie man sie erhält

„Gute Freunde kann niemand trennen“, heißt es in einem bekannten Lied. Aber wie ist das eigentlich – brauchen wir Freunde, wie funktionieren Freundschaften, wie findet man Freunde und wie bleibt man befreundet?

Freundschaften sind eine Herausforderung

Freundschaft ist eine Art von Beziehung. Und obwohl das Wort Beziehung in einer Weise klar ist und wir wissen, was mit dem Begriff gemeint ist, können wir ihn trotzdem oft gar nicht erklären, oder klar definieren. Zu sagen, dass man mit einer Person in einer Beziehung ist, meint im Prinzip, dass man regelmäßigen Kontakt mit ihr hat und eine Art innere Verbindung oder Verbundenheit empfindet.

Für viele Menschen mit Autismus ist das Knüpfen von Freundschaften nicht leicht. Schon im Kindesalter wird ihre Interaktion zu neurotypischen Menschen häufig nicht von sozialen Bedürfnissen, sondern von bestimmten Interessen gesteuert. Gemeinsame Interessen verbinden natürlich. Doch solche Interessen sind bei Menschen, die nicht im Spektrum liegen, oft nicht so ausgeprägt. Die ausdauernde Beschäftigung mit einem bestimmten Thema, oder eine rein logische Denkweise sind neurotypischen Menschen weniger vertraut.

Sie haben im Gegenteil oft eher das Bedürfnis, über ihren emotionalen Zustand zu sprechen und zu erzählen, wie es ihnen in bestimmten Situationen geht – ohne eine Problemlösung parat zu haben oder überhaupt gezielt anzustreben. Das ist irrational und für viele Menschen mit Autismus unverständlich. In einer Freundschaft, die ein gegenseitiges Verständnis erfordert, kann das zu Missverständnissen und Schwierigkeiten führen.

Das Bedürfnis nach Freundschaft

Aus diesen und weiteren Gründen entsteht in manchen Fällen gar kein Wunsch nach dem Knüpfen von Freundschaften, weil diese als belastend empfunden werden. Aus dieser Perspektive werden Freundschaften, oder jede andere Art von Beziehungen, nicht als notwendig empfunden, um glücklich zu sein.

Sehr viele wiederum wünschen sich Freunde, sind jedoch zum Teil verunsichert, wie sie den Umgang pflegen sollen, weil sie soziale Regel der neurotypischen Menschen nicht immer erkennen. Enttäuschungen, oder durch Mobbing entstandene Folgen, können ebenfalls dazu führen, dass Personen mit Autismus zu Einzelgängern werden, obwohl sie es vielleicht nicht wollen.

Freundschaft für sich definieren

An dieser Stelle muss aber auch jeder für sich entscheiden, was eine Freundschaft für ihn ausmacht. Ist jemand gleich ein Freund, nur weil man ihn regelmäßig trifft? Oder ist dies dann ein Bekannter? Ein Indiz sind die Themen, über die man mit der Person sprechen kann.  Freunde vertrauen sich gegenseitig an, erzählen von Gefühlszuständen, wenn man z.B. verliebt ist, oder enttäuscht wurde. Freunde lernen auch die Familie des anderen kennen. Freunde trösten, helfen, hören zu, und man kann sich auf sie verlassen.

„Sich auf jemanden verlassen können“ ist wiederum ein Kriterium, dessen konkrete Bedeutung jeder für sich finden muss. Denn davon hängt ab, welcher Anspruch an die Freundschaft gestellt wird. Für den einen reicht es aus, wenn die andere Person pünktlich zur Verabredung erscheint und würde sagen, dass man sich auf diesen Menschen verlassen kann, weil diese Person pünktlich und somit verlässlich sei. Jemand anderes erwartet wiederum, dass – beispielsweise bei einem Krankheitsfall in der Familie – der Freund einem beisteht, indem er Hilfe und emotionale oder auch praktische Unterstützung anbietet.

Freundschaften erhalten

Man spricht auch davon, Freundschaften zu „pflegen“. Pflegen bedeutet, dass man sich um etwas zum Zweck der Erhaltung kümmert. Übertragen auf die Freundschaft bezieht sich diese Beschreibung auf einen regelmäßigen Kontakt. Ob durch das Telefonieren, Schreiben, oder durch Verabredungen zum Wiedersehen – es kommt darauf an, den Kontakt zu halten und am Leben des anderen teilzuhaben.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der eng damit zusammenhängt: Die Kommunikation. Wenn Menschen im Spektrum sich mit neurotypischen Menschen anfreunden, wird die Nähe der Beziehung früher oder später das Thema Autismus aufbringen. Hilfreich ist es hierbei, wenn man dem neurotypischen Menschen die Gelegenheit gibt, sich über Autismus zu informieren oder – noch besser – die Person selbst über die eigene Form des Autismus aufklärt. Dabei geht es vor allem darum, das eigene, vielleicht als ungewöhnlich empfundene Verhalten in bestimmten Situationen zu erklären. Es geht darum, seine Wahrnehmung mit dem Freund oder der Freundin zu besprechen und auch mitzuteilen, welchen Umgang man sich selbst wünscht.

Sind Freundschaften mit neurotypischen Menschen möglich?

Ja, denn keine Freundschaft gleicht der anderen. Jede Freundschaft hat ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Herausforderungen. Mit jedem Freund verbindet einen eine andere Geschichte und andere gemeinsame Erlebnisse. Hierbei muss jede Person seine eigenen Bedürfnisse, die sie an das Gegenüber stellt, kennen.

Auch neurotypische Personen definieren ihre Freundschaften unterschiedlich und legen unterschiedlich großen Wert darauf, welche zu haben. Nicht nur Menschen im Spektrum haben Fragen zur Freundschaft für sich zu beantworten – es ist eine Herausforderung für jeden Menschen. Und eine ehrliche Freundschaft kann im Leben jedes Menschen eine Bereicherung sein.

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